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Internet
Ein Stück Heimat im Netz
 
Trend zur virtuellen Selbstdarstellung: Auf der eigenen Homepage wird Privates weltweit öffentlich
 
Warum tust du das, Petra? Warum läßt du Millionen Internet-User von Spitzbergen bis nach Brasilien einen Blick auf deinen Lieblingsteddy werfen? Warum berichtest du der Welt in Wort und Bild von deiner Radtour durch Irland, von deiner Magisterarbeit in Pädagogik und von deiner Liebe zu Schokoladenkuchen?

Petras Beweggründe bleiben ein Rätsel, aber damit steht sie nicht allein da: Private Homepages, selbstgestaltete Seiten im World Wide Web, boomen.

Wie viele es auch nur ungefähr sind, kann niemand sagen. Deutschlands größter Internet-Provider, T-Online, hat rund 130 000 private Seiten registriert bei 2,5 Millionen Mitgliedern. Das heißt: Jeder 20. T-Online-User hat sich ein virtuelles Zuhause im Netz geschaffen. Bei CompuServe ist es jeder fünfte.

"Da ist was in meinem Kopf, das muß raus, und hier habe ich endlich ein Medium gefunden, wo ich frei publizieren kann", sagt der 33jährige Hauke Heck, der hinter seiner "Wise Weed"-Homepage (http://privat.schlund.de/wiseweed) rund 100 Seiten absoluten Nonsens versammelt hat. Der Untertitel "Wo die Peinlichkeit zur Kunstform erhoben wird" verspricht nicht zuviel. "Das ist jetzt die Rache des kleinen Mannes", analysiert Rafael Capurro, Professor für Informationsethik in Stuttgart. "Bislang war es nur einer kleinen Minderheit möglich, in die Massenmedien zu kommen. Jetzt wird diese Macht ausgehöhlt, jeder kann sein eigener Verleger/Sender sein."

Kaum jemand sucht gezielt nach privaten Seiten, die Suchmaschinen aber machen beim Wühlen nach Stichworten keinen Unterschied zwischen der offiziellen Tourismusseite der Stadt Denver, den Verwandtschaftsgrüßen der ausgewanderten Familie Tögel oder der Fan-Seite über John Denver. Im Netz sind alle gleich - die Utopie der Internet-Pioniere gilt in der unübersehbaren Menge nützlicher und unnützer Seiten immer noch.

Dabei gehören private Seiten nicht unbedingt zur letzten Kategorie. Janko Puls hat seine Privatseite zu einer umfangreichen Sammlung über Medien ausgebaut, vor der sich die meisten Universitätsinstitute verstecken müssen. Rund zehn Stunden pro Woche arbeitet der Berliner Publizistikstudent an "Jankos Media Monster" (http://userpage.fu-berlin.de/~jpuls). Der Lohn: laut eigenem Zähler über 14 000 Besucher seit gut einem Jahr und diverse Jobangebote.

Die Spannbreite privater Homepages ist so weit wie die der Internet-Nutzer: Da ist die "Hausfrauenseite" (http://www.hausfrauenseite.de) von Carola aus Köln. Als kleine private Seite vor zweieinhalb Jahren entstanden, finden interessierte Eltern dort heute ebenso zahlreiche wie ernsthafte Tips zur Baby- und Wäschepflege, diskutieren über Programmiersprachen und Kochrezepte. Die andere Sparte markiert etwa Julia, die der Welt auf einer Seite aus einem Foto lächelnd mitteilt, im Moment habe sie leider keine Zeit, ihre Homepage zu bauen.

Das typische Exemplar - falls es das überhaupt gibt - liegt irgendwo dazwischen, zeigt mindestens ein aktuelles Foto des Verfassers, eine Kurzbiografie, Informationen über Hobbies, eine E-Mail-Adresse zur Kontaktaufnahme und die unvermeidliche Link-Liste mit Verweisen auf andere, oft ebenfalls private Web-Seiten. Ergänzt werden diese "Musts" gern durch Babyfotos der Homepage-Besitzer, Bilder von Familienmitgliedern oder Haustieren, philosophische Texte oder Gedichte und ein virtuelles Gästebuch, in dem Besucher ihre Kommentare hinterlassen.

Und spätestens hier wird klar: Diese Seiten werden tatsächlich angesehen. Unter den geschätzten 147 Millionen Internet-Nutzern weltweit sind doch immer ein paar, die sich für die Rettung der Leuchttürme interessieren (http://home.t-online.de/home/matthias.suckert), für Familienforschung (http://home.t-online.de/home/joerg.schnadt) oder für die Berufsfeuerwehr in Hamburg (http://members.aol.com/pmummert). Da dient die eigene Homepage zur Kontaktaufnahme mit Gleichgesinnten, sie schafft neue virtuelle Gemeinschaften - im Webslang: Communities.

Die Hemmschwelle zur weltweiten Öffentlichkeit ist niedrig: Die großen Provider bieten kostenlos Speicherplatz an für die privaten Seiten, Computer und Internet-Zugang sind bei den Usern ohnehin vorhanden, und immer einfachere Programme erledigen das Übersetzen in die WWW-Sprache HTML.

Gerade Selbstdarstellern bietet diese neue Form der Öffentlichkeit eine große Bühne. Für Wissenschaftler und Computerprofis ist die eigene Homepage als virtuelle Visitenkarte inzwischen ein Muß. Klar, daß auch Stars im Netz vertreten sind. Für die gehörte Eigenwerbung schon immer zum Handwerk. So kann man Autogramme von Franziska van Almsick (http://www.franzi.de) jetzt eben auch online bestellen und in Harald Juhnkes Memoiren lesen (http://www.harald-juhnke.com). Starkult wie gehabt, garniert mit ein bißchen technischem Schnickschnack.

Neu ist dagegen die Veröffentlichung privater Details durch Nicht-Prominente. Woher dieser Exhibitionismus? "Die Massenmedien haben ihr Publikum doch jahrzehntelang so erzogen: Der Schein ist das Sein", sagt Informationsethiker Capurro. Und Medienforscher Hans-Bernd Brosius von der Universität München stellt fest, daß der Drang nach Öffentlichkeit heutzutage eben ziemlich hoch im Kurs stehe, "ähnlich wie bei den Leuten, die sich in TV-Talkshows erniedrigen lassen".

Den bisherigen Höhepunkt dieser Entwicklung markieren die sogenannten Web-Babes: junge Frauen in Amerika, die sich zum Teil 24 Stunden täglich von einer Kamera beobachten lassen und die Bilder live ins Internet einspielen. "Ich wollte einfach mein Leben mit anderen teilen, und es macht mir nichts aus, beobachtet zu werden", sagt Annie aus Calgary (http://www.calgary-web.com/annie/cam.htm), die nach eigenen Angaben pro Tag rund 7000 Zugriffe auf ihre Seite zählt.

"Die Leute im Web sind vor allem neugierig", hat Sigrid alias "Wonder Woman" (http://www.webarena.de) festgestellt. Sie hat inzwischen drei eigene Homepages und bietet auf rund 100 Seiten Kaffeerezepte ("die wahrscheinlich größte Sammlung im Internet"), Reiseberichte oder aktuelle Diskussionen über Gott und die Welt. "Trotzdem habe ich auf meiner persönlichen Seite immer die meisten Klicks", resümiert die Hausfrau, die die Zugriffe auf einzelne Seiten genau kontrolliert.

"Private Homepages dienen vielleicht unbewußt dazu, das Medium Internet zu vermenschlichen. Ohne sie würde so etwas wie eine Cybergemeinde wohl gar nicht existieren", sagt die Focus-Online-Redakteurin Gertrud Nörder. Als sie kürzlich einen Homepage-Wettbewerb startete (http://focus.de/best-of-www), wurde sie von der Resonanz fast überrollt: "In den ersten drei Wochen kamen über 450 Vorschläge privater Seiten."

Iris Schneider

Der Weg zur eigenen Homepage

Für die Gestaltung gibt es inzwischen einfache Werkzeuge. Allerdings: Grundkenntnisse von Computer und Internet sind notwendig. Wir sagen, worauf Sie achten müssen.

1. Überlegen Sie sich eine Struktur: Legen Sie sich alle Texte, Fotos, Grafiken zurecht. Schreiben Sie ein Inhaltsverzeichnis für die Internet-Seiten, gegliedert in Rubriken oder Kapitel. Nicht vergessen: Für alle Inhalte auf Ihrer Homepage sind Sie verantwortlich.

2. Speicherplatz reservieren: Online-Dienste spendieren ihren Mitgliedern kostenfreien Speicherplatz: CompuServe z. B. 5 MB, T-Online 1 MB, ab 1.11.98 10 MB, AOL 10 MB, ebenso viele Internet-Zugangsanbieter (Provider), z. B. unter http://www.sofortstart.de mit E-Mail-Adresse und Internet-Zugang ab einer Mark pro Tag. Ihre Seiten stehen dann im jeweiligen Verzeichnis für private Homepages, also z. B. unter http://home.t-online.de/home/ihr_name. Wunschadressen wie http://www.ihrname.de (sogenannte Domains) vermieten die Internet-Zugangsanbieter - allerdings kostenpflichtig. Achtung: Die Preise für deutsche Adressen (Endung: "de") sind sehr unterschiedlich (etwa 250 Mark jährlich).

3. Wollen Sie Bilder verwenden? Dann benötigen Sie einen Scanner (ab 100 Mark) oder einen Scanner-Service (oft in Copy-Shops). Mit dem Scanner werden die Bilder digitalisiert und im PC gespeichert.

4. Hilfe beim Gestalten: Homepages werden in der Internet-Dokumentensprache HTML (Hypertext Markup Language) erstellt. Hilfe gibt zum Beispiel Buchautor Stephan Münz in seinem HTML-Anfängerkurs: http://www.teamone.de/selfhtml/. Einfache Software ("HTML-Editoren") bieten die Online-Dienste kostenlos: http://www.aolpress.com, http://home.t-online.de, http://ourworld.compuserve.com

5. Ins Netz übertragen: Die fertigen Internet-Seiten müssen vom heimischen PC auf einen fest an das Internet angeschlossenen Rechner übertragen werden. Dort sind sie dann weltweit abrufbar. Viele Editoren besitzen spezielle Übertragungsfunktionen. Beispiel für ein Windows-Programm: WebExpress (http://www.mvd.com).
Für die Übertragung zu den Rechnern der Online-Dienste müssen allerdings deren Programme eingesetzt werden. Infos dazu bekommen Sie auf den oben genannten Web-Seiten.

6. Tips & Tricks:
•  Verteilen Sie größere Texte über mehrere Seiten, und starten Sie mit einem Inhaltsverzeichnis.

•  Halten Sie Grafiken und Fotos klein (maximal 10 Kilobyte, höchstens 256 Farben), sonst werden die Ladezeiten der Seiten zu lang.

•  Prüfen Sie Ihr Angebot auf Vollständigkeit und fehlerhafte Links.

•  Lassen Sie Ihre Homepage bei Web-Verzeichnissen wie Web.de (http://web.de) registrieren.

Jürgen Christ

 
Mehr zum Thema Computer und Internet erfahren Sie bei Focus Online Technik & PC und Netguide.
 

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