zurückTopseite

Die Big Five im digitalen Jammertal

Die Musikindustrie kämpft gegen "Napster" und um ihre Marktposition, der Konsument geht längst eigene Wege

Von Janko Puls und Gerti Schön

Shawn Fenning ist ein freundlich dreinblickender Mensch, der so wirkt, als könne er keiner Fliege etwas zu Leide tun. Aber seit der 19-jährige US-Amerikaner vor 14 Monaten seine eigene Firma gegründet hat, ist er der größte Feind der Musikindustrie. Denn Fenning hat das Programm Napster entwickelt, das es Websurfern weltweit ermöglicht, Musik per Internet auszutauschen. Mit der Datenkompressions-Methode MP3 lässt sich Musik in CD-Qualität in Minuten über das Internet verschicken und abrufen; Fenning hat mit seiner Software dafür gesorgt, dass sich private Anbieter und Nachfrager im Netz auch finden und ihre CD-Sammlungen kostenlos austauschen können. Deshalb steht er jetzt vor dem Kadi. Vertreten durch die Recording Industry Association of America gehen die "Big Five" der Musikbranche gegen ihn vor: Universal, Sony, Warner Brothers, EMI und BMG haben ihn wegen Verletzung des Urheberrechts angeklagt.

Napster bewegt sich in den USA in einer Grauzone, denn die Rechtslage ist trotz aller neuen Gesetze der vergangenen Jahre verworren; das jüngste ist der 1998 vom US-Kongress verabschiedete "Digital Millennium Copyright Act". Es diene der Industrie unverhältnismäßig mehr als den Künstlern und Konsumenten, kritisiert Yochai Benkler, Rechtsprofessor an der Law School der New York University. Dennoch dient es als Grundlage für die Verträge der Weltorganisation für intellektuelles Eigentum, "Wipo", die jeweils auf nationaler Ebene in geltendes Recht umgewandelt werden müssen.

Die Konzerne werfen dem Unternehmen Napster vor, Urheberrechtsverletzungen zu fördern, indem es auch illegale Dateien vermittle. Doch so klar ist die Rechtslage eben nicht. Das zuständige Gericht in San Francisco muss demnächst eine grundsätzliche Einordnung der teils widersprüchlichen Gesetze vornehmen. Napster ist dem Abschalten seines Rechners vorerst entgangen, weil das Gericht keinen Schnellschuss abfeuern wollte. Die Musikindustrie will ein Exempel statuieren, die zuständige Bezirksrichterin in San Francisco, Mary Hall Pantel, aber nimmt die Grundsätzlichkeit des Verfahrens zum Anlass, Napster eine Gnadenfrist für eine gute Argumentation zu lassen.

Das unerlaubte Kopieren von Musik über das Internet hat ein Ausmaß angenommen, das den Plattenfirmen Angst einjagt. Anbieter wie MP3.com bieten ihren monatlich mehr als zehn Millionen Kunden mehr als eine halbe Million Songs kostenlos im Netz an. Eine Studie des E-Commerce-Spezialisten Jupiter Communications rechnet die möglichen Verluste für die Plattenfirmen auf das Jahr 2005 hoch: Dann soll der Anteil an online verkaufter Musik bei knapp 25 Prozent liegen, was einer Summe von etwa zwei Milliarden Mark jährlich entspreche. Höchste Zeit also für die Musikverleger, sich etwas einfallen zu lassen, wenn sie das größte Stück der Torte behalten wollen.

Dafür haben sie bisher nicht viel getan: Die Möglichkeiten, bei großen Labels Musik digital übers Netz zu kaufen, sind noch durchweg bescheiden. Jeder Plattenladen um die Ecke ist besser sortiert. Den Generations- und damit den Paradigmenwechsel haben die Konsumenten schneller durchgemacht als die Firmen.

Pop-Ikone Madonna jedenfalls schäumte, als sie erfuhr, dass Ausschnitte aus ihrer neuen Platte bereits jetzt im Netz kursieren - ihr Album soll erst im Herbst erscheinen. Denn nicht nur die Plattenfirmen, sondern auch die Zwischenhändler und Plattenläden, vor allem aber die Künstler gehen leer aus. Das Lager der Musiker indes ist gespalten: Unterstützen die einen die Kampagnen der Plattenindustrie, scheren die anderen bereitwillig aus Knebelverträgen aus und vermarkten sich lieber selbst. Weil die Möglichkeiten für Nutzer, an raubkopierte Musik zu kommen, unzählig sind, wirken Klagen und technische Tricks einzelner Künstler hilflos, wenn nicht lächerlich.

Ein Blick ins Netz zeigt, dass sich die Nutzer ihrer Wirtschaftsmacht bewusst sind. Fenning zeigt Selbstbewusstsein: "Ich bin glücklich und zufrieden, dass wir unsere 20 Millionen Nutzer nicht abweisen müssen und auch unsere Hilfe für die Künstler fortsetzen können. Wir werden weitermachen und auf das Beste hoffen." Einen solch großen Kundenstamm wünschen sich auch die Musikkonzerne im Netz.

Da hilft am besten eine bewährte Taktik: seine Feinde zu umarmen, die innovativen Firmen aufzukaufen und dann entweder einzugliedern oder zu schließen, wie es Microsoft-Chef Bill Gates lange erfolgreich getan hat. Einen Ausweg könnte ein digitales Rechtemanagement bieten. MP3.com etwa hat sich mit Warner und BMG außergerichtlich geeinigt und will ihnen je 20 Millionen US-Dollar für entstandene Copyright-Verletzungen zahlen. Für neu aufgenommene Songs will MP3.com nun geringe Lizenzgebühren bezahlen. BMG und die anderen großen Labels werden es aber nicht bei Kooperationen bewenden lassen. Die Big Five wollen noch in diesem Jahr eigene Angebote ins Netz stellen, die auf ähnlicher Technik wie Napster basieren sollen - mit dem kleinen Unterschied, dass Songs dort zwar kostenlos probegehört werden können, für ein Herunterladen einer Datei aber bezahlt werden muss. Und sie hoffen auf die Entwicklung eines sicheren Kopierschutzes für CDs. Die internationale "Secure Digital Music Initiative" kommt mit der Umsetzung der entsprechenden Technik allerdings bisher nur langsam vorwärts, sie bastelt seit 1998 erfolglos daran.

Die Raubkopierer aber werden sich davon nicht schrecken lassen. Das Napster-Nachfolgeprogramm Gnutella bietet keine Angriffsflächen mehr, denn es ist konsequent dezentral ausgerichtet und besteht nur noch aus Software. Ist der Surfer erst einmal unterwegs, sucht Gnutella selbstständig nach Musiktausch-Partnern. Wenn sich dieses System durchsetzt, sieht es düster aus für die Phonowirtschaft. Niemand lässt sich mehr verklagen, kein Rechner ist mehr zu identifizieren, den man vom Netz abklemmen könnte.

Das eigentliche Problem aber sind nicht Musikpiraten und Schwarzkopierer. Stellvertretend für viele Branchen vollzieht sich im Musikbusiness ein Wechsel der Machtpositionen: Napster, MP3.com und andere Anbieter sind keine kleinen anarchistischen Netzrebellen. Napster hat nach 14 Monaten bereits 15 Millionen Dollar Kapital im Hintergrund, verfügt über einen großen Kundenstamm und plant den Börsengang, den MP3.com schon geschafft hat. Die digitalen Vertriebsmedien haben inzwischen mehr Macht als die herkömmliche Medienindustrie. Es ist kein Zufall, dass der Internet-Anbieter AOL den Medien-Giganten Time Warner geschluckt hat. Es zeichnet sich ab, dass die herkömmliche Wertschöpfungskette im kulturellen Bereich durch das Netz revolutioniert wird. Nicht zuletzt durch Menschen wie Shawn Fenning, der seine Idee perfekt vermarktet hat und zum Helden der new economy geworden ist.

 

[ document info ]
Copyright © Frankfurter Rundschau 2000
Dokument erstellt am 02.08.2000 um 21:01:18 Uhr
Erscheinungsdatum 03.08.2000

 

zurückTopseite