Im privaten Glashaus
Homepages im deutschsprachigen Web boomen. Nur ein Modetrend? Nein, denn ist sie gut gemacht, kann sich eine eigene Site für Studenten lohnen.

"Homeless" nennt man in den USA Menschen, die kein elektronisches Postfach haben. Virtuelle Obdachlosigkeit beginnt auch hierzulande ein gesellschaftliches Manko zu werden und beschränkt sich nicht mehr auf die E-Mail-Adresse. Die Zeiten, als das virtuelle Heim allein Sache blasser Computerfreaks war, sind längst vorbei. Kinderleicht zu bedienende Programme zum Erstellen von Web-Seiten und sinkende Preise bei den Zugangsanbietern zum Internet lassen jeden innerhalb weniger Stunden zum Homepagebesitzer werden. Noch nie war es so einfach und preiswert sich der virtuellen Welt zu präsentieren. Das deutschsprachigen World Wide Web erlebt einen Homepage-Boom.
"Was, du hast keine Homepage?", muss sich bald derjenige fragen lassen, auf dessen Visitenkarte nicht www.meinehomepage.de steht. Ist auch dies nur eine Mode? Nach dem Handy nun die Web-Site? Selbst wenn man beides eigentlich gar nicht braucht? Einer Homepage merkt der Internet-Surfer sehr schnell an, ob es sich um unsinnigen Schnickschnack oder aufgeplusterte Selbstdarstellung handelt - und klickt sich weg. Wahrscheinlich auf nimmer Wiedersehen.
Das muss nicht sein. Beim Surfen im Netz strandet man auch auf informativen, gut gemachten privaten Sites. Viele dieser ambitionierten Projekte stammen aus studentischen Computern, wie zum Beispiel "Janko's Media Monster", die umfangreiche Sammlung journalistisch interessanter Web-Adressen des Publizistikstudenten Janko Puls aus Berlin.
Wann lohnt es sich für Studenten und Studentinnen, ein virtuelles Heim zu bauen? Welche Chancen bietet es, wieviel Arbeit macht es, in welche Fallen kann man dabei tappen?
"Heimatseite", das klingt privat und gemütlich. Das Internet ist aber öffentlich, man sitzt im Glashaus. Leicht gerät es zum Drahtseilakt, den richtigen Ton zwischen Öffentlichkeit und Privatheit zu treffen. Das Internet ist anonym und so freut sich jeder Surfer über Sites, die ein Gesicht haben und etwas über ihre BesitzerInnen verraten. Hier ist jedoch auch Vorsicht geboten, denn mit allzu intimen Informationen lässt sich leicht Unfug treiben. Es empfiehlt sich nicht, Postadresse und Telefonnummer anzugeben. E-Mail reicht aus. Auch detaillierte Lebensläufe gehören nicht in die Öffentlichkeit, ein grober Überblick über die eigenen Interessens-Schwerpunkte kann aber sinnvoll sein.
Zu allererst gilt: "Content is king!" Wer eine Homepage bauen möchte, sollte sich im Vorfeld ein paar grundsätzliche Dinge überlegen: Welches Thema soll meine Homepage haben? Verfüge ich selbst über interessante Inhalte, falls nicht, woher kann ich sie bekommen? Und: sind die Inhalte überhaupt für andere von Interesse? Denn was nutzt die tollste Web-Site wenn sie nachher niemanden interessiert? Auch eine private Homepage sollte einen Nutzwert für andere bieten.
Ideal ist das eigene Studien-Schwerpunktthema, zu dem vielleicht schon einige selbstverfasste Hausarbeiten und Literaturlisten existieren. Oder man baut zusammen mit der Luhmann-Arbeitsgruppe eine Luhmann-Site, auf der alle Gruppenteilnehmer ihre Arbeiten präsentieren. Mit etwas Glück meldet sich vielleicht sogar ein Herausgeber, der Interesse an den Texten hat.
Aber Vorsicht: Online publizierte Seminararbeiten üben eine magische Anziehungskraft auf surfende Studenten aus. Das lockt Besucher an. Wer seine eigenen Arbeiten für alle zugänglich ins Netz stellt, muss sich aber auch darüber klar sein, dass andere sie ganz schnell auf ihre Festplatte speichern können. Ein Copyright-Hinweis ist hier auf jeden Fall sinnvoll, garantiert aber für nichts. Denn wenn eine taiwanesische Germanistikstudentin die Arbeit eines Bremer Germanistikstudenten bei ihrem Professor in Taiwan abgibt, wird das in Bremen nie ein Mensch erfahren. Hier muss jeder für sich entscheiden, wie wichtig ihm sein geistiges Eigentum ist. Mühsam erstellte Seminararbeiten landen jedoch meistens in den Schubladen der Professoren. Durch die Publikation im WWW finden sie Leser, die dann per E-Mail eventuell sogar ihre Meinung dazu äussern. Daher sollte man sich vorher überlegen, ob man nicht nur Lob, sondern auch Kritik vertragen kann.
Sinnvoll ist es, den Gästen seiner Homepage ein Forum zu bieten, in dem sie mit anderen Besuchern über die Themen der Site diskutieren können. Auch Gästebücher sind sehr beliebt, denn jeder hinterlässt gern seine Spuren im weltweiten Datennetz. Weiterhin bietet sich eine Linkliste mit Verweisen zu anderen Web-Seiten zum eigenen Thema an. Ein bisschen Service und Interaktion macht jedes Web-Angebot interessanter. Die Angabe der eigenen E-Mailadresse ist ohnehin ein Muss. Und es gehört im Netz zum guten Ton, elektronische Briefe zu beantworten. Je nach Besucherandrang kann dies schon mal in Arbeit ausarten. Oder zu spannenden E-Mail-Freundschaften mit Menschen auf der ganzen Welt führen.
"Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern." Und nichts ist so uninteressant wie eine veraltete Web-Site. Daher ist eine Homepage eigentlich nie fertig, sondern verlangt ständig nach Aktualisierung. Besucher werden nur wiederkommen, wenn sie regelmäßig Neues auf einer Seite finden. Wer sich die Mühe macht und einen Newsletter anbietet, kann seine Stammgäste jederzeit gezielt über neue Inhalte informieren. Das World Wide Web verändert sich täglich: Angebote verschwinden, neue tauchen auf. Wer zum Beispiel eine Linkliste anbietet, sollte diese deshalb immer wieder überprüfen und erweitern. Nichts ist so nervig wie ein toter Link.
Internet-Benutzer sind ungeduldig, immer getrieben vom Ticken des Gebührenzählers. Sie wollen schnell und einfach an Informationen und Unterhaltung kommen und sind stets nur einen Mausklick von all den anderen Homepages entfernt. Man sollte seine Gäste daher an die virtuelle Hand nehmen - und nicht wieder los lassen.

Dieser Artikel ist erschienen in:
taz, die tageszeitung, tazThema Uni-Spezial überregional, Verlagsbeilage der tageszeitung,
8. Oktober 1999, S. 20.
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